L E H R V E R A N S T A L T U N G E N :

Photographie in sozialen Feldern


MIT VEREINTEN KRÄFTEN!

Photographie in sozialem Engagement, Sport, Freizeit und Geselligkeit

Der Wiener Photohistoriker und Begründer der Fachzeitschrift Fotogeschichte Timm Starl erkannte in einer Studie, dass vielfach mehr Aufnahmen von Freizeitgestaltung und Festzeiten in die privaten Photoalben Eingang finden als solche von der Arbeitswelt. Ein Großteil der Freizeitaktivitäten erfolgen in Gesellschaft Gleichgesinnter, ja sind ohne diese gar nicht möglich, denkt man an das Tennis- oder Schachspiel, das Musizieren in einem Klangkörper oder die Krönung jeder sportlichen Betätigung, die Teilnahme an Sportwettbewerben. Daher wurde mit dem Staatsgrundgesetz von 1867 die Möglichkeit geschaffen, sich in einem Verein zusammenzuschließen. Dieses gemeinsame Erleben von Freizeitaktivitäten fördert das Entstehen und die Pflege von Riten der Aufnahme, der Anerkennung von außergewöhnlichen Leistungen, der Selbstdarstellung in der Öffentlichkeit und letztlich - der gemeinsamen Anteilnahme am Ableben eines Mitglieds.

Das eigene Mitwirken der einzelnen Akteure fordert zur Selbstbestätigung und –vergewisserung Einzelner und der gesamten Gruppe die photographische Dokumentation geradezu heraus. Keine Aufführung einer Laienbühne vergeht, ohne dass Angehörige eines Ensemblemitglieds Schlüsselszenen – zumindest während der Generalprobe – photographiert und zudem auch Rollenbildnisse (Darstellende im Bühnenostüm) anfertigt. Auch Bestandsjubiläen von Vereinen sind ohne eine Gruppenaufnahme undenkbar. Das pflichtgemäße Siegerphoto bei Sportwettkämpfen dokumentiert und visualisiert bei Publikationen den Triumph. Analog dazu sind die Trophäenbilder von Jägern und Anglern zusammen mit ihrer Beute zu sehen. Einzelne Mitglieder haben das Bedürfnis, sich bei oder nach Aufnahme in einen Verein sowie bei Beförderungen oder Ehrungen mit Urkunde, Rangabzeichen oder entsprechender Vereinsmontur photographieren zu lassen.

Die Lehrveranstaltung bringt neben kulturtheoretischen Aspekten des Gruppenverhaltens und Vereinswesens vorwiegend photohistorische und bildwissenschaftliche Kommentare zu entsprechenden Bildbeispielen aus der Photosammlung des Referenten.

 

 

 

 

 

 


IM GLEICHSCHRITT - MARSCH!

Riten und Dienstalltag in den Alt-Tiroler Garnisonen der Bewaffneten Macht der Österreichisch-ungarischen Monarchie auf ausgewählten Photographien (1867 bis 1918)

 

In alten Photobeständen tauchen oftmals Photos aus der Militärzeit von längst verstorbenen Vorfahren auf, die sich mit stolz geschwellter Brust und heute nicht mehr bekannter Adjustierung dem Photographen präsentiert haben. Was bedeuten beispielsweise die kurzen Schwertern ähnlichen Stichwaffen an der Seite? Welchen Hintergrund haben die Stifte, die aus der Knopfleiste der Uniformbluse herauslugen? Worauf bezieht sich eine "Hälftefeier" oder eine "Hundert-Tage-Feier"? Wie kann man den militärischen Rang der abgebildeten Soldaten identifizieren? Und überhaupt - was soll das bedeuten, Kinder für ein photographisches Portrait in Uniformen zu stecken? Und dass das Heiraten für Offiziere eine ganz besondere Herausforderung darstellte ist auf den elegant inszenierten Brautbildern so ganz und gar nicht erkennbar.

 

 

In dieser Veranstaltung wird besonders auf historische, soziale sowie aufnahme- und wiedergabetechnische Aspekte militärischer Bildtypen wie v.a. Soldatenportrait und Mannschaftsbild, aber auch Aufnahmen von weiteren photographische Anlässen des militärischen Alltags und Zeremonials, aber auch das Privatleben von Soldaten erörtert werden. Für Nachkommen von ehemaligen kaiserlichen Soldaten dürfte die Kenntnis der Anwendung von weitgehend exakten Methoden der Datierung von Photodokumenten militärischen Inhalts von Bedeutung sein, die überblicksmäßig behandelt wird. Bei den Bildbesprechungen werden auch der ehemals auch bei Zivilisten allgemein bekannte Begriffe aus dem alt-österreichischen militärischen Wortschatz wie z.B. Stallexzellenz, ärarisches Mädel, Tschako, Montur, Reveille, retirieren u.v.a.m. einfließen, welche den bereits über huntertjährigen Zeitabstand bewusst machen. Ein Abstecher in die Genrephotographie seit der Einführung der Ansichtskarte mit ihrem zuweilen wehmütigen oder moralisierenden Inhalt - Stichwort Sehnsucht nach Braut, Eheweib und Kindern - soll das Auditorium wieder in die Zivilgesellschaft zurückführen.


DIENSTEIFER, Bauernstolz und Gewerbefleiss

Historische Photographien der Arbeitswelt und

deren soziale Funktion in der Gesellschaft

 

Nach Timm Starl, dem Wiener Photohistoriker überwiegen Aufnahmen von Feiertagen, Sport, Hobby und Urlaub in privaten Photonachlässen. Dennoch fällt auf, dass sich unsere "Altvorderen" häufiger in berufstypischer Kleidung und bei der Arbeitsverrichtung ablichten ließen als heute, wobei aus den Mienen der Personen durchwegs Stolz und Selbstzufriedenheit abgelesen werden kann. Während früher die Berufswahl in den meisten Fällen von den Eltern getroffen wurde oder in Ausnahmefällen sich sog. "Self-made men" eine Karriere selbst zusammenzimmerten, identifiziert sich die Jugend in einer offeneren Gesellschaft verstärkt auf unorthodoxe Art und Weise nicht mehr so stark mit dem Beruf. Identität stiftet heute wesentlich mehr die Freizeitgestaltung, Sport, das Reisen, Job-Hopping und Start-up-Projekte. Es war die Sechs-Tage-Woche und die langen Arbeitstage, die zu leisten waren und abgesehen von Adel, Stadtpatriziat und Beamtenstand die Menschen dazu zwangen, an Sonn- und Feiertagen ohne Urlaubsanspruch wieder Kräfte für die anstrengenden Arbeitstage zu sammeln.

 

Im Vortrag wird besonders auf Motivdetails eingegangen, die man heute nicht mehr richtig deuten kann. Wie kommen Photos von jugendlichen Frauen aus offensichtlich ländlichem Milieu in das Photoalbum einer bürgerlichen Familie? Woran erkennt man auf einem Gruppenphoto einer bäuerlichen Familie vor ihrem Heimathof den zukünftigen Hoferben? Woran ist eine Bäuerin von den Dienstmägden zu unterscheiden, und dies vor allem an Sonn- und Feiertagen? Warum tragen österreichische Arbeiter und Facharbeiter, aber vereinzelt noch Berglandbauern in der Regel die zweiteilige "Blaue" und viele Südtiroler den "Toni" (Overall)? Welche Attribute unterscheiden Offiziere der K.u.k. Gemeinsamen Armee und des Bundesheeres von Unteroffizieren und Mannschaften? Warum ist die historische Berufskleidung der Förster ganz in Grün und jene der Revierjäger in grau mit grünen Applikationen gehalten? Sind auf Familienphotos von Handwerksmeistern wirklich alle Burschen die Söhne vom Meister? Diese und viele andere kultur- und sozialhistorischen Aspekte werden in die Diskussion von Photos aus der Tiroler, Südtiroler, Trentiner und Ampezzaner Arbeitswelt einfließen.