L E H R V E R A N S T A L T U N G E N :

Photographie und Übergangsriten


"... UND GLEICH KOMMT DAS VOGERL 'RAUS !"

Kinderphotographie "anno dazumal" in Stadt und Land

Diese Lehrveranstaltung  trägt bewusst diesen Titel, weil sich die jüngere Generation nicht vorstellen kann, was es denn mit einem Vogel auf sicht hat, der aus einem Photoapparat herauskommt. Tatsächlich jedoch spielt ein gefiedertes Getier die zentrale Rolle für das Gelingen von Kinderportraits in der Frühzeit der Photographie.

Kinder zuhause, auf Ausflügen und im Urlaub selbst zu photographieren ist erst seit Einführung von Schnappschusskameras möglich geworden. Es begann gegen Ende des 19. Jh. mit noch gar nicht so kompakten „Momentapparaten“ zur umständlichen Verwendung von Glasplattennegativen, die dann nach der Jahrhundertwende mehr und mehr von den würfelförmigen Box-Kameras abgelöst wurden. Ab 1963 setzten sich Instamatic Cameras von Kodak und ähnliche andere Fabrikate durch.

Was heute mit Digitalkameras geradezu spielerisch im privaten Rahmen gelingt, war in der Frühzeit der Photographie ab den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts für die Lichtbildner im wahrsten Sinne des Wortes eine besondere Herausforderung.

Die wichtigsten Anlässe für private Photodokumente bilden wohl die alljährlich wiederkehrenden Familienfeste wie Weihnachten, Ostern, Martini und Nikolo. Aber auch Photos von Übergangsriten wie Taufe, Kindergartenzeit, Schulanfang, Erstkommunion und Firmung nehmen breiten Raum in Photoalben ein. Sogar ein Übergangsritus, den man bisher ausschließlich mit der untergegangenen DDR in Verbindung bringt, war auch in Österreich in gewissen Kreisen üblich.

Diese und zahlreiche weitere Hintergründe und Geschichten über die Entstehung von Kinderphotographien von den frühesten photographischen Kinderbildnissen in Form von Daguerreotypien – der Frühform der heutigen Photographie - bis in die frühe Nachkriegszeit sind Thema des Vortrags. Daneben werden auch die für die Kulturwissenschaften so wichtigen Fragestellungen nach sozialen Funktionen von Kinderphotographien angesprochen. Begleitend zur Besprechung der zahlreichen Bildbeispiele werden besonders Indikatoren zur Datierung und sozialen Einordnung von historischen Photographien erörtert.

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Griffelschachtel, Schiefertafel und schulranzen

Photographien aus der Kindergarten- und Schulzeit

Wer erinnert sich nicht gerne an unbeschwerte Kinder- und Jugendzeiten, auch wenn diese durch Büffeln, Pauken, Prüfungsangst, Nachsitzen und – in früheren Jahren durchaus verbreitet – auch durch Prügelstrafen allzu stark getrübt waren. Photos helfen dabei den Erinnerungen auf die Sprünge und bewahren Personen, Ereignisse und Begebenheiten vor dem Vergessen. Aber gerade Photographien sind es, die zur Verklärung der eigenen Vergangenheit beitragen, weil sie ursprünglich vor allem aus dem Wunsch der Eltern nach einem bildhaften Beleg von der Sorge um eine gedeihliche Erziehung ihrer Kinder entsprungen sind. Natürlich fallen in diese Lebensphase zwischen dem 6. und 14. oder in Berufsschulen und Höheren Schulen dem 18. Lebensjahr auch die Übergangsriten Einschulung, Erstkommunion, Firmung, Reifeprüfung, Lehrabschlussprüfung und vereinzelt auch die Tauglichkeitsprüfung des Militärs, die teilweise von den Schulen begleitet werden.

Vieles auf alten Photographien Abgebildete um Kindergarten und Schule ist für Menschen von heute nicht mehr erklärbar, daher soll die Lehrveranstaltung besonders auf Gesten, Kleidungsweisen, Personengruppierungen, aber auch auf alte Aufnahme- und Wiedergabetechniken eingehen. Beispielsweise können bei Betrachtung von Kinder- und Schulphotos Fragen aufkommen wie z.B.: Warum erscheinen auf Kindergarten- und Klassenphotos häufig Nonnen? Was bedeuten die verschränkten Hände der Schülerinnen und Schüler auf manchen Klassenphotos? Warum tragen die Mädchen auf Klassenphotos und vereinzelt auch Einzelportraits eine Art „Küchenschürze“? Woher kommt der "Marinelook" wie im Bildbeispiel? Was hat es mit der Schleife im Haar der Mädchen auf sich? Was bedeutet es, wenn alle Schüler eines Klassenzugs Medaillen um den Hals tragen? Seit wann gibt es überhaupt Maturaklassenphotos? Was bedeuten mitunter auf Klassenphotos von Gymnasiasten und Realschülern Requisiten wie z.B. Gitarre, Trinkhorn und Bierfass mit der Aufschrift "§ 11"? Welchen Einfluss hatten Nationalsozialismus und italienischer Faschismus auf das Erscheinungsbild der Schüler auf Klassen- und Portraitphotos? Und waren es wirklich immer Berufsphotographen, die das vielfach lukrative Geschäft mit Kindergärten und Schulen machten?

 

 

 

 

 

 

 

 


"Jung und fesch, rank und schlank"

Junge Leute in alten Zeiten vor der Kamera

 

 

Eines sei vorweg klargestellt: Die jungen Leute "anno dazumal" fühlten sich nicht weniger "cool" als jene in der Gegenwart, aber die heutige Generation kann sich bei Betrachtung alter Photos Bedeutung und tiefen Sinn von Kleidung, Gestik, Mimik und Personenarragenment sowie bestimmte Attribute nicht erklären. Es beginnt schon mit der heute altertümlich klingenden Titulierung "Jungdamen und -herren", wie es noch immer beim Wiener Opernball für die an der Balleröffnung mit Polonaise teilnehmenden Personen üblich ist, lautet. Im Vortrag geht es daher primär darum, wie sich die Welt der Jugend zwischen etwa 1850 - also in der Pionierzeit des Mediums - und dem Ersten Weltkrieg in der Photographie spiegelt.

 

 

Dabei wird ganz besonders auf die soziale Funktion von Jugendbildnissen und Bildern von Begegnungen von Jungdamen- und Herren bzw. Burschen und Madln – selbstverständlich fast immer unter der Anweisenheit von „Anstandsdamen“ - eingegangen. Dass Einzelportraits der jungen Leute nicht bloß aus Jux und Tollerei oder zur persönlichen Selbstvergewisserung entstanden, sondern aus dem wohl bedeutendsten Beweggrund im Leben überhaupt wird im Vortrag behandelt. Zur historischen Einordnung von Photos werden gegebenenfalls ästhetische und formale Aspekte von Bildern beleuchtet. Zudem beschäftigt sich der Vortrag mit der Frage, wie anhand von Kleidermoden, Frisuren, Gestik, Personenarrangement, Aufmachung sowie Atelierausstattungen oder soziale Herkunft, gesellschaftlicher Rang und Entstehungszeitraum zumindest annäherungsweise, fallweise sogar mit Sicherheit bestimmt werden können.


"Zur ewigen Erinnerung an unseren Freudentag!"

Photographie um Eheanbahnung, Verlobung

und Hochzeit in alten Zeiten

Dieser oder ein sinngemäß ähnlicher Satz war vor nicht allzu langer Zeit noch ein häufig geschriebener Kommentar auf den Rückseiten von Brautbildern, welche frisch Getraute einige Zeit nach der Trauung ihren Angehörigen und Bekannten verehrten. Die hohe Wertschätzung der Hochzeitsphotographie schlägt sich noch heute in wirtschaftlicher Hinsicht bei den Atelierphotographen nieder, indem je nach Solvenz der Brautfamilien nicht zuletzt für die Dokumentation des angeblich wichtigsten Festes im Leben erhebliche Ausgaben getätigt werden.

Was jedoch kaum bekannt ist: das „klassische“ Brautbild, also Braut und Bräutigam im Brautstaat gab es nicht „schon immer“, vielmehr ist dies ein erst etwa 40 Jahre nach Erfindung der Photographie aufkommendes Bildmotiv. Aber was gab es vorher? Wie wurde Hochzeit im weitesten Sinne – also die Phasen von Eheanbahnung und Verlobung mit eingeschlossen – vor Einführung des Brautbildes dokumentiert? Seit wann gibt es Hochzeitsreportagen, d.h. die photographische Dokumentation der wichtigsten Stationen einer Hochzeitsfeier? Warum sind zahlreiche Brautpaare anders als in weißem Brautkleid und dunklem Anzug – z.B. in „Tracht“ oder in historischen oder exotischen Kostümen – abgebildet? Warum fehlt auf manchen Brautbildern der Brautstrauß? Was bedeutet der Hut und der fehlende Kranz der Braut? Was kann es bedeuten, wenn die Braut links oder rechts vom Bräutigam steht?

Die Häufung von Brautbildern in Familienarchiven verleitet zu der Annahme, dass in der Zeit der ausgehenden Kaiserzeit mehr Ehen geschlossen wurden als in der heutigen Zeit. Wie das Verhältnis von Verehelichten zu ledig gebliebenen Menschen damals wirklich war, wird mit einem Ausflug in die Sozialgeschichte der Familie ebenfalls angesprochen werden.

 

 

 


Die "letzte Reise" im Bild

Photographien von Totenbrauch und -gedenken

Viele junge Menschen lassen sich beim Anblick dieses Aufbahrungsphotos zu der Frage hinreißen: „Ist der wirklich tot?“ Durchaus verständlich, denn der Tod wird durch verschärfte sanitäre Vorschriften seit der Nachkriegszeit mehr und mehr aus dem Blickfeld der Menschen verdrängt. Das Verbot der offenen Aufbahrung trägt maßgeblich hierzu bei. Dabei rangierten in der Frühzeit der Photographie Aufträge an die Berufsphotographen zur Ablichtung von aufgebahrten Verstorbenen sowie von Trauerkondukten noch lange Zeit gleich nach der Hochzeits- und Portraitphotographie. Dabei wird auf die Frage eingegangen, welche Bedeutung es für die Hinterbliebenen in unserem Kulturkreis hatte und vielen Kulturen noch heute hat, die Verstorbenen offen aufzubahren und zudem auch zu photographieren?

Besonders interessant sind für heutige Begriffe makaber erscheinende Umgangsweisen mit toten Menschen. Gerade in der Frühzeit der Photographie hatten zahlreiche Hinterbliebene noch kein photographisches Portrait der verstorbenen Person. Die Photographien hatten zur Lösung dieses Problems teils brachiale Methoden auf Lager. In Photonachlässen tauchen Aufnahmen von Trauerzügen und Grabdenkmälern auf, deren Sinn für heutige Zeitgenossen nicht mehr so einfach zu erklären sind. Ein weiteres interessantes Kapitel ist der Frage gewidmet, seit wann es mit einem Portraitphoto der verstorbenen Person versehene Sterbebilder und Parten gibt und mit welchen technischen Hilfsmitteln die Photographen daran arbeiteten.

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